05.07.2010 15:05 (0 Kommentare)

Fussball und Nationalstolz

Eine Diskussion

PRO: Warum man auch als Juso mit dem deutschen Team jubeln kann...

von Benjamin Kümmig

Es ist mal wieder so weit. Zu jedem großen Turnier kommt er wieder auf: der deutsche Party-Patriotismus. Und schneller als man Schland sagen kann, hagelt es Fundamentalkritik an all jenen, die mit dem deutschen Team fiebern. Aber warum eigentlich? Gibt es einen Unterschied zwischen sportlichem Mitfiebern und dem Hang zur Deutschtümelei? Ebnet eine WM den Weg zu unbekümmertem Patriotismus? Viele Fragen mit vielen Dimensionen. Der Versuch einer kurzen Antwort.

Warum ist die WM eigentlich zum Spektakel für die deutschen Massen geworden? Ihr erinnert euch sicher an die Turniere unter den Trainern Vogts, Ribbeck, Völler und co. Damals gab es das Flaggenmeer nicht in diesem Ausmaß. Damals blieb auch der sportliche Erfolg aus, mal abgesehen von 2002 in Japan und Südkorea. Aber auch da wurde durch das deutsche Team kein mitreißender Fussball gespielt. So richtig ins Rollen kam die Republik erst zum sog. Sommermärchen 2006, mit all der patriotischen Industrie rundherum. Der Startpunkt war gelegt für einen neue Flaggenliebe, für gemeinsame Fussballfeste vor großen Bildschirmen. Sönke Wortmann tat sein übriges. Die „gläserne Nationalmannschaft“ war attraktiv, die Deutschen stolz auf ihr Team und ihre GastgerberInnenrolle. Weg die Oberlippenbärte und schrecklichen Frisuren. Das Team war wieder was, worauf man stolz sein kann. Mit Klinsmann kam der Tempofussball und mit diesem ein neues „Wir-Gefühl“. Daraus ergibt sich folgende These: Der sportliche Erfolg ist entscheidend dafür, wie stark die Deutschen mit ihrem Team mitfiebern, wie viele Fähnchen geschwenkt werden und mit welcher Inbrunst die Hymne gesungen wird. Das ist für jeden eingefleischten Fussballfan verwerflich, widerspricht aber der These, dass der Fussball zu neuem Nationalismus und Patriotismus führt. So schnell er da ist, ist er auch wieder weg. Es ist eher der Stolz auf das Team mit seinem sportlichen Erfolg, als auf das Land, der die Deutschen zur WM so ausflippen lässt.

Stellt sich die Frage, ob man auf dieses Nationalteam stolz sein kann. Man kann. Gerade die Spieler, die aus anderen Ländern nach Deutschland kamen, machen das Team sportlich stark. Namen wie Özil, Marin, Podolski, Tasci, Khedira, Boateng, Podolski, Klose, Cacau und Aogo prägen das Team. Nicht mehr die alten Haudegen mit den deutschen Tugenden, bekannt für markige Sprüche und destruktiven Fussball wie Basler, Matthäus, Kohler, Sammer, Kahn, Wörns, Ramelow, Marschall und Kirsten. Nein, es sind gerade die Jungs, die voller Selbstbewusstsein das Gesicht der Elf verändern, die überhaupt nicht deutsch rüberkommen. Deutsche Tugenden sind Geschichte. Eigentlich ist das deutsche Team eine Internationalelf. Wer stolz auf diese Jungs ist, ist stolz darauf, dass sich das Gesicht Deutschlands verändert, bekennt sich ein Stück weit zum Integrationsland Deutschland. Sehen wir es so: das Team leistet einen Beitrag zur positiven Besetzung des Integrationsbegriffes in Deutschland, baut Vorurteile ab, positioniert sich klar gegen Rassismus. Darauf kann man stolz sein. Ob mit oder ohne Fähnchen.

Es bleibt also festzuhalten: Patriotismus ist nicht gleich Patriotismus. Hier geht es eher um das sportliche Erfolgsmoment. Fussball ist attraktiv, das Team ist attraktiv und macht stolz. Und das Team ist eigentlich gar nicht mehr so deutsch. Es gilt der alte phrasenschweinverdächtige Spruch: Fussball verbindet, Fussball baut Brücken, Fussball ist Völkerverständigung. In diesem Sinne spricht nichts dagegen, auch für einen Juso nicht, auf das deutsche Team stolz zu sein und bis zum Titel mitzufiebern, solange das ganze sportlich und reflektiert erfolgt.

Anmerkung des Verfassers: die aufgeworfenen Thesen spiegeln nicht die Meinung des Schreibenden wieder ;)



CONTRA: Auch beim schönsten Volleytor nicht den kritischen Geist ausschalten

von Matthias Ecke

Angesichts von Flaggen, Hüten, Tröten und anderem Nippes in Nationalfarben, permanenten Appellen an ein diffuses „Wir“ sowie einer feuilletonistischen Verheißung eines neuen, harmlosen, netten und sonnengetränkten Patriotismus, gelüstet es manchen nach „Capture the Flag“ und spontanen Flashmobs zum Singen der Internationalen. Nun ist die nervige Omnipräsenz nationaler Symbolik zwar eher dem Kommerz zuzurechnen als dem Fußball selbst, aber zufällig fällt die aufkeimende Nationalismusdebatte nicht mit der WM zusammen.

Der Ehrlichkeit halber muss man eins zuerst klarstellen. Nationalismus, im Sinne der politischen Ideologie, die auf ein Zusammenfallen zwischen einer Nation und einem Staatsgebilde, ist kennzeichnend für eine WM. Natürlich ist eine Fußball-Weltmeisterschaft ein nationalistisches Spektakel. Sie grenzt über den Begriff „Nation“ ab, weist Nationen Eigenschaften zu („rassige Chilenen“, „deutsche Tugenden“, „Samba-Brasilianer“ usw.) und inszeniert nationalen Wettstreit. Die Erzählung von der „Nation“ ist das bestimmende Narrativ einer WM. Ein Championat, bei dem Nationen gegeneinander antreten um den Sieger unter ihnen zu ermitteln nicht als nationalistisch zu bezeichnen, ist schlicht Begriffswillkür und Realitätsverweigerung. Let’s face it.

Die von machen daraus abgeleitete Frage ob es nun „okay“ ist, für Deutschland zu sein, ist eine reichlich plumpe Verkürzung und geht am eigentlichen Problem vorbei. Beim Fußball-Support kann man wahrlich keine politischen Vorgaben machen: Jede nach ihrer Facon. Manche jubeln Ghana zu, andere Italien und hier eben viele Deutschland (ich übrigens auch). Solange ein Klima der Toleranz besteht (das ist nicht immer der Fall), besteht kein Anlass, ausgerechnet das zur politischen Schicksalsfrage zu erheben.

Eigentlich entscheidend ist hingegen der reflektierte Umgang mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die Fähigkeit, Machtverhältnisse zu erkennen und zu hinterfragen. Und die gibt’s eben auch beim Fußball: Verwertungslogik, Machismo und Rassismus sind auch dort nicht unbekannt. Zwar produziert der Fußball allein wohl kaum vorher gänzlich unbekannte Ressentiments, Zuteilungen oder Aggressionen in der Bevölkerung. Vielmehr kann er (und tut es oft) Katalysator sein für Alltagsrassismus, Homophobie, Sexismus und weitere Dimensionen des „Extremismus der Mitte“. Fußballkontexte, ob im Stadion oder beim WM-Gucken im Freundeskreis, ermöglichen ein Ausweiten des Sagbarkeitsfeldes, also einen Kontext, indem „okay“ ist, was sonst zu Recht verpöhnt wird. Der Zusammenhang zwischen einer Fußball-WM und höheren Zustimmungsraten zu Ideologien der Ungleichwertigkeit und Menschenfeindlichkeit ist leider evident. Fußball ist nicht per se häßlich, gibt aber dem Häßlichen eine Bühne.

Die Aufregung um die WM von Nationalismuskritiker/innen ist aber manchmal aber auch scheinheilig. Statt über Tröten und Fähnchen sollten wir uns lieber über die Folgen des Nationskonstrukts dort unterhalten, wo sie wirkliches Unheil anrichten. Die Zugehörigkeit zur „Nation“ entscheidet nämlich selbst in liberal-demokratischen Staaten wie Deutschland darüber, ob man einreisen darf, sich frei bewegen darf, wählen darf, arbeiten darf oder soziale Leistungen in Anspruch nehmen darf. Daher darf die Analyse des Nationalismus nicht abstrakt bleiben, sondern muss stets die konkreten Umstände von Einschließung und Ausschluss verdeutlichen. Die Residenzpflicht für Asylbewerber/-innen, die Alltagsdiskriminierung von Nicht-Deutschen von Behörden oder die Subvention deutscher Automobilwerke, um „unsere“ Arbeitsplätze auf Kosten der „Ausländer“ zu retten, sind aus nationalismuskritischer Sicht allemal schwerwiegender als drei Jugendliche im DFB-Dress.

Wir als Jusos brauchen aber keine nationale Symbolik, denn wir setzen der nationale Denke eine universalistische entgegen. Alle Menschen, nicht nur „Deutsche“, stehen im Fokus unserer Politik. „Deutschland“ ist für uns kein normativ positiver Bezugsrahmen, es ist lediglich die administrative Einheit in der wir leben, und die wir demokratisch gestalten wollen. Daran ändert auch eine WM nix.

Ach so: Mir geht’s eigentlich mehr um Fußball, aber darüber sollte ich nix schreiben…

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